Große Desillusion

Große Desillusion

Von Götz Bechtle16.09.2016 – 11:19 Uhr

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Bad Wildbad. Éric Emmanuel Schmitt hat neben Büchern auch verschiedene Theaterstücke geschrieben, so „Kleine Eheverbrechen“, das jetzt im Königlichen Kurtheater Wildbad über die Bühne ging.

 

Produziert und inszeniert wurde dieses sowohl ironisch wirkende als auch sehr nachdenklich machende Schauspiel vom Regionentheater aus dem schwarzen Wald Simmersfeld. Die beiden Produzenten Andreas Jendrusch und Birgit Heintel sind bereits mehrfach im Kurtheater aufgetreten, diesmal führte Jendrusch Regie, während Heintel die Produktionsleitung innehatte.

Ein Lehrstück

Grundsätzlich muss man sich bei „Kleine Eheverbrechen“ die Frage stellen: Wie funktioniert eigentlich Ehe? Und da gibt es natürlich viele Antworten, aber welche ist richtig? So gesehen ist „Kleine Eheverbrechen“ ein Lehrstück, welche Probleme in einer Ehe auftauchen. Die Frage bleibt: Wie kann man diese Probleme lösen?

 

Die 2003 in Paris uraufgeführte schwarze Komödie, eigentlich ein Krimi, erzählt die Geschichte einer 15-jährigen Ehe zwischen Lisa und dem Krimiautor Gilles. Er hatte zu Hause einen mysteriösen Unfall und dadurch sein Gedächtnis verloren.

Gegenseitige Lügen

Nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus versucht Gilles, in sein früheres Leben zurückzufinden, hegt jedoch den Argwohn, dass Lisa diesen Neuanfang bewusst beeinflussen will. Sozusagen das gemeinsame Vorleben und Gilles neue Erinnerungen so darzustellen und umzuformen, wie sie ihn sich wünscht. Ist dies dann Liebe? Gilles meint dazu: „Ich hätte mich gerne mal kennengelernt“, denn er findet es schrecklich, sich nicht zu erinnern und befürchtet, dass Lisa ihm eine andere Vergangenheit aufzwingen will.

Außerdem stellt er fest, dass Lisa Alkoholikerin ist und vermutet, dass sie versuchte, ihn zu töten. Seine Logik: „Wenn sich bei einem Ehepaar Gewalt eingeschlichen hat, dann ist es egal, von wem sie ausgeht.“ Dabei bezieht er sich selbst mit ein. Nach und nach werden die gegenseitigen Lügen enttarnt und die Desillusion ist groß. Schließlich erfahren die Theaterbesucher, dass Lisa tatsächlich Gilles umbringen wollte und er keineswegs einen Gedächtnisverlust erlitten hat. Die Frage, ob Liebe möglich ist oder in Dumpfheit erstickt, wenn man sie nicht manipuliert und durchaus zweifelhaft lebendig hält, muss der Theaterbesucher selbst beantworten. Eine Antwort darauf gibt es im Stück nicht. Wie es schließlich in der Beziehung von Lisa und Gilles weitergeht, lässt Autor Schmitt offen.

Großes Lob und viel Applaus gab es für die beiden Schauspieler Rosa Maria Paz und David Köhne, welche ihre schwierigen Rollen im gegenseitigen intensiven Schlagabtausch zwischen Wunschbild und Realität konsequent meisterten und lange das Publikum im Unklaren ließen.